Donnerstag, 10. Oktober 2013

Erster Schultag




Der Bus ist voll von Männern in schwarzen Anzügen und Frauen mit knielangen Stiftröcken und weissen Blusen. An jeder Haltestelle strömen neue Leute in den ohnehin schon vollgestopften Bus.
Obwohl beinahe niemand miteinander spricht, ist es laut. Jeder versucht die Telefongespräche des anderen zu übertönen, indem er einfach noch ein bisschen lauter in sein Headset trötet. Ich muss lachen weil die Szene so bizarr erscheint. Lauter Menschen, die scheinbar mit sich selber sprechen, laut, unüberhörbar und scheinbar ohne jeglichen Zusammenhang. 
Ich bin froh über mein roten Kopfhörer und die Musik. Schnell verschwindet das hektische Gebrabbel und ich kann die ersten Minuten dieses wunderschönen Morgens endlich etwas geniessen.
Zum Glück weiss ich wo ich aussteigen muss. Die Bushaltestellen sind nämlich unglaublich verwirrend, da sie keine Namen haben und nur mit Nummern gekennzeichnet sind, die man vom Bus aus gar nicht sehen kann.
Im Empfangsraum vor der Rezeption des Milner International College ist es laut. Auf den ersten Blick sehe ich nur Asiaten, die sich in kleinen Gruppen zusammendrängen und über keine Ahnung was sprechen.
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AFL Finals Fremantle 
Und dann entdecke ich die Schweizer. In einer grossen Traube stehen sie in einer Ecke und unterhalten sich lautstark auf Schweizerdeutsch.
Ich beschliesse, mich noch nicht sofort zu „outen“. Früher oder später werde ich die sowieso alle kennenlernen. Ich hole also meine Bücher ab, und lasse mir von einer freundlichen Australiern sagen, dass mein „morning teacher“ Ibrahim heisst und dass ich ins Zimmer 3.6 muss.
Inständig hoffend, dass ich nicht mit Abstand die Jüngste in meiner Klasse sein werde, fahre ich mit dem unglaublich langsamen und ruckelnden Lift in den dritten Stock. Doch als ich voller Erwartung vor der hallblauen Tür stehe, muss ich feststellen, dass noch niemand ausser mir im Raum sitzt. Mir beleibt also nicht viel anderes übrig, als zu warten.

Nach 45 Minuten, einigen Anfällen von Zweifeln, ob ich auch im richtigen Zimmer sitze und einem Kaffee aus der Cafeteria, betritt ein freundlich lächelndes Mädchen den Raum. Ich atme erleichtert auf. Sie muss ungefähr im gleichen Alter sein wie ich. Schnell stellt sich heraus, dass Barbara aus Zürich kommt und ebenfalls gerade erst die Matura abgeschlossen hat. Tja, Glück muss man haben!
Denn alle anderen, die jetzt nach und nach eintrudeln, sehen wesentlich älter aus:

Da ist zum Beispiel Ruiz aus Portugal. Er ist gerade 30 geworden, möchte gerne Pilot werden und weiss alles über Flugzeuge. Er liebt es, beinahe unmenschliche Geräusche von sich zu geben und nach dem exakt passenden englischen Wörtern zu suchen, was die Zeitspanne, die er für einen Satz braucht kagummimässig und scheinbar unendlich in die Länge zieht. Aber eigentlich ist er ganz in Ordnung. 

Mir gegenüber sitzt Fabio. Schon nach dem ersten Satz, den ich mit ihm gesprochen habe, weiss ich, dass er aus Brasilien kommt, 32 und geschieden ist. Naja, gut zu wissen, oder? Was Fabio wohl hasst: Still sitzen. Was er liebt: Lautstark über seine ach so schlechten Resultate schimpfen, obwohl er der Zweitbeste der Klasse ist.

Elizabeth ist eine ruhige junge Frau, die immer wieder mit unglaublichem Wortschatz überrascht. Sie kommt aus Malaysia, ist aber eigentlich Chinesin. Sie gibt nicht viel von sich preis, spricht nicht viel über sich. Ich weiss nur, dass sie scheinbar satt wird, wenn sie den ganzen Tag nur einen überzuckerten, kalten Espresso aus der Flasche trinkt.

Dann gibt es Monika, eine 45-Jährige Schweizerin, mit der ich nicht besonders viel zu tun habe. Sie kommt aus Basel und liebt ihr ITablet sowie Sushi über alles.

Robert und Guillem (ja, die gibt’s irgendwie nur im Doppelpack) kommen aus Spanien (Achtung! Sie sind keine Spanier sondern Katalonier!). Eigentlich ähneln sie eher einem Ehepaar als zwei guten Freunden. Sie leben in zusammen in einer winzigen Zweizimmerwohnung, kochen jeden Tag gemeinsam und arbeiten beide als Kellner im Hotel Pan Pacific.

Ja und finally: Unser „morning teacher“ Ibrahim. 
Erster Eindruck: Dumbeldore und Gandalf in einer Person. 
Zweiter Eindruck: Vielleicht hat er auch ein bisschen etwas von Yoda aus Star Wars. 
Für diejenigen, die sich nichts unter alldem vorstellen können: Ibrahim ist 66 Jahre alt, eigentlich schon pensioniert und unterrichtet die CPE-Classes einfach so zum Spass. Er hat die witzige Gewohnheit sich dauernd über seinen schlohweissen, langen Bart zu streichen, was ihn ziemlich weise erscheinen lässt. Er hat schon mindestens 3 Weltreligionen angehört, war einerseits Taxifahrer und andererseits ein hohes Tier irgendeiner Firma und zu jeder Geschichte, die er uns erzählt, hat er ein passendes Foto.   
Perh, skyline by night

Tja, so viel zu meinem ersten Schultag. Ich hoffe, ich komme in nächster Zeit wiedermal zum Schreiben denn eigentlich bin ich jetzt schon fast einen Monat in der Schule...

PS: Es gibt natürlich auch einen „afternoon teacher“. Er heisst Craig, hat zwei süsse kleine Töchter und liebt es, nach Rottnest Island zu schwimmen. Wenn man weiss, dass man für die Strecke mit dem Schnellboot 45 Minuten braucht und das Wasser dort voller Haie ist, ist das schon ziemlich beeindruckend....oder vielleicht sogar ein bisschen beängstigend? 





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